Diskriminierung. Diskriminierung ist ein blödes Wort. Eigentlich stiftet dieses Wort nur Unheil. Eigentlich kann man damit nicht viel anfangen. Dieses Wort ist genau so nützlich wie das Wort Integration. Gut für „Seifenblasenphrasen“ (Ich verweise hier noch einmal auf Julian Heun). Aber meiner Unfähigkeit wegen ein bessere Bezeichnung für die Probleme, die ich tagtäglich aufgrund meiner Identität erlebe, zu finden, bin ich auf dieses Wort angewiesen, gar abhängig davon. Ich schaffe es nicht, zu unterlassen es zu benutzen.
Also, „Diskriminierung“. Die „Diskriminierung“, die ich erlebe ist schwer für andere fassbar nach außen zu transportieren, weil sie sich sehr unterschiedlich äußert. Dennoch will ich versuchen die „Diskriminierung von Muslimen“ in Berlin auf persönliche Erfahrungen beruhend konkret darzustellen. Es folgt ein nach Empfinden gestufter Text über Diskriminierungsformen, denen ich und einige mehr unterliegen -so werde ich und so werden einige viele mehr disrikriminiert…
einfache Diskriminierungsform: das „offenplatt“
Die einfachste Form der Diskriminierung ist das von mir sogenannte „offenplatt“, es äußert sich offen und platt
. Zum Beispiel direktes, blödes Beschimpfen auf offener Straße, wie in meinem Artikel „Anatolien in Berlin Mitte“. Man wird „nur“ verbal angegriffen, man trägt keine physischen Schäden davon und man wird dadurch nicht in der eigenen Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Man wird „nur“ beleidigt. Damit umzugehen ist nicht allzu schwierig: einfach ignorieren, darüber stehen, es nicht an sich heran lassen. Mit der Zeit und der dankbaren Kontinuität der Beleidigungen wegen, gewöhnt man sich echt unglaublich und vorallem schnell daran. Man kennt es ja aber auch teilweise gar nicht anders. Man lernt, dass es „normal“ ist, blöd angemacht zu werden. Auf offener Straßen einfach so beleidigt zu werden, das ist normal.
schwieriger: „U-Bahnsituation“
Schwieriger jedoch ist die von mir sogenannte „U-Bahnsituation“. Beispiel: Damals, Schulschluss, Wilmersdorf, ich steige in die Bahn, ich setze mich, die Bahn wird stiller, alle glotzen mich an und tun so als ob sie es nicht täten, ich merke das natürlich, tue aber so als ob ich das nicht täte -weil folgendes in meinem Kopf vorgeht: „Warum glotzen die? Hab’ ich was an der Nase? Ach Tûba, spinn doch nicht rumm, die kommen doch erst gar nicht soweit mit dem Blick nach unten voran, die bleiben doch bestimmt an dem Meter Tuch an deinem Kopf hängen, und denken sich ‘Eine Schülerin mit Kopftuch, scheint auch noch modern zu sein, sie hat Jeans uns Sneakers an, aber wie geht das??! Türken erlauben ihren Kindern so was doch nicht, oh, die Arme, sie musste sich bestimmt mit ihren Eltern anlegen und für ihre Freiheiten kämpfen.’ Ach Tûba, jetzt spinnst du aber wirklich, was unterstellst du denn den armen Menschen, vielleicht finden sie auch nur dein Kopftuch so schön und den Islam interessant und würden dich jetzt am liebsten ausquetschen über Gott a.k.a. Allah und den Propheten…“ Der Umgang mit der „U-Bahnsituation“ ist echt schwierig: Du wirst anderes, meist schlechter behandelt, aber du weiß nicht wie damit umzugehen, weil du kein konkretes Indiz für den genauen Grund deines schlechter behandelt Werdens hast –es könnte einfach an deiner Person liegen, aber auch an deiner muslimischen Identität oder auch einfach am gut gemeinten Interesse.
noch schwieriger: das „hintenrum“
Noch schwieriger ist das von mir sogenannte „hintenrum“. Das Hintenrum –das ist wenn du genau weißt, es einfach weißt, dass du aufgrund deiner muslimischen Identität schlechter behandelt wirst als solche ohne muslimische Identität, aber keinen, wirklich keinen Indiz dafür hast, dir nichts in die Hand gegeben wird womit du argumentieren, dich verteidigen oder deine Rechte einfordern könntest. Beispiel: Schule, Unterricht, du kommst gut klar, sehr gut sogar, meldest dich fleißig, schreibst gute Klausuren, hast eine gute Kommunikation mit deinem Lehrer und mit den Schülern, dein Lehrer äußert keine Kritik an dir –aber dann, bei der Notvergabe wird die Note 2 nicht gegönnt, stattdessen immer eine 3+. Im Vergleich mit anderen, im Rückblick auf die sowohl qualitative als auch quantitative Teilnahme am Unterrichtsgeschehen, im Austausch mit Mitschülern –weiß du ganz genau, du hast diese Note nicht verdient, du verdienst eine bessere Note, dir wurde hintenrum eine schlechte Note aufgedrückt und du kannst nichts dagegen tun. Außer bei deinem Lehrer die Note die du verdienst zu erbetteln, und vielleicht, vielleicht –wenn du Glück hast, gibt der Lehrer von Schuldgefühlen geplagt dir doch die Note, die du verdienst, aber tut währenddessen so als ob du es nicht tätes und es ein gnädiges Geschenk seinerseits wäre um so sein Ego und seine Lust an deiner Unterdrückung zu retten. Ich kann echt ein Liedchen davon trällern. Ich wette –und ich wette eigentlich aus Prinzip nicht, dass mein Abischnitt ohne das „hintenrum“ mindestens um 1/3 (!) besser gewesen wäre. Hätte ich doch im Englischunterricht besser den Irakkrieg verteidigen sollen, anstatt ihn zu kritisieren. Das „hintenrum“ ist echt schwierig.
noch viel schwieriger: das „nurputze“
Noch viel schwieriger ist das von mir sogenannte „nurputze“. Ich finde verdammt noch mal keinen Freizeitjob! Ich darf nicht an der Kasse arbeiten, mich will kein Becker (nicht einmal Kanackenbecker in Kreuzberg), Kellnern –da darf ich oft erst gar nicht rein ins Cafe geschweige denn mitarbeiten! Aber putzen darf ich. Es ist fremd, das ein Kopftuch tragende Frau bei Lidner Schrippen verkauft, dafür hat das Kopftuch eine „viel zu starke symbolische Bedeutung“ -aber putzen darf sie, das ist ja nicht fremd, seit den 60ern wird der Laden ja von Ayse geschrubbt –und die macht das immer so schön sauber und ohne zu meckern oder mehr zu wollen. Oh ja, alle die behaupten, das das Kopftuch oder die muslimische Identität nicht riesig auf dem Arbeitsmarkt einschränke, haben keine Ahnung, haben echt keine Ahnung. Haben echt keine Ahnung, wie stark eingeschränkt man bei der Berufsentscheidung ist und dass man ständig unter dem Druck steht besser als die „Deutschen“ sein zu müssen, weil du nur dann, wenn überhaupt, eine Chance hast. Klar, wenn der Chef die Auswahl hat zwischen Max und Mustafa wird er sich für Max entscheiden, falls Max wirklich nicht wesentlich schlechter abgeschnitten hat als Mustafa. Das ist so. Auf dem Arbeitsmarkt ist eine muslimische Identität nicht gewollt, entweder du legst sie ab und kommst an einen guten Job oder du stehst dazu und musst ständig kämpfen.
am schwierigsten: „Angriff der blutrünstigen Medien“
Am schwierigsten, wirklich mit Abstand am schwierigsten, das was dich an die Grenzen treibt, was dich zur Weißglut bringt, das was dich wirklich fertig macht, was dir den letzten Nerv raubt und dich bewegungsunfähig macht ist der permanente, rücksichtslose, vermarktete „Angriff der blutrünstigen Medien“ (und das sage ich als großer Medienfan). Man will nach einem Tag beginnend mit „hintenrum“, weiter verlaufend mit„U-Bahnsituation“, anschließender „nurputze“ und zu guter Letzt „offenplatt“sich einfach nur vor die Glotze legen, blöd Fern gucken und abschalten –aber dann folgt der „Angriff der blutrünstigen Medien“. „Heute bei Schniegel TV :Ehrenmorde, Beschneidungen, Terror –wie gefährlich ist der Islam?“ düdüüüüüw. Oder bei Manke Knill „Iran –eine Scharia ergreift die Welt“.
HÖRT AUF! ich hab echt keine Lust mehr, hört auf. bitte…
tûba.